Gezeichneter Kopf eines Tigers

Wie der Ti(e)ger sein ie verlor

Vor langer, langer Zeit lebte in Indien ein Tieger. Dieser Tieger war aber nicht irgendein Tiger, denn er wurde mit ie geschrieben. Der Tieger war mächtig stolz auf sein ie. „Ich heiße schließlich Tieger, nicht Tigger“, sagte er zum Elefanten. Und zur Antilope. Und zum Pfau. Und zu allen anderen Tieren, auch wenn sie es gar nicht hören wollten. Um ehrlich zu sein, der Tieger benahm sich ganz schön eingebildet. „Nur, weil der so ein dummes ie im Namen hat, ist er doch kein besseres Tier als wir“, murrte der Igel, der insgeheim neidisch war, weil er auch gern ein ie hätte. Die anderen Tiere nickten zustimmend.

Nun geschah es aber, dass in einem Zoo dringend ein Tiger gesucht wurde. Einige mutige Menschen machten sich auf den Weg in den Dschungel, um einen Tiger zu fangen. Sie bauten eine Falle und schrieben ein Schild daran. „Nur für Tiere mit ie“ stand darauf. Als der Tieger vorbei kam und das Schild sah, dachte er sich: „Oh, das ist wohl ein ganz besonders schöner Ort nur für Tiere wie mich“ und spazierte geradewegs in die Falle. Da schnappte die Fallentür zu und der Tieger war gefangen. Da merkte er, dass er hereingelegt worden war. Unter lautem Gebrüll wurde er in den Zoo gebracht.

Im Zoo legte er sich in die hinterste Ecke in seinem Käfig. Ach, wäre ich doch nur nicht auf diesen Trick herein gefallen“, jammerte er, „wenn ich kein ie im Namen hätte, wäre das nicht passiert. Ich wünschte, ich hätte kein ie im Namen“ Als die Besucher sahen, wie traurig der Tiger war, beruhigten sie ihn: „Ach Tieger, wenn du willst, dann schreiben wir dich von nun an eben T-I-G-E-R. Wir nennen dich auch trotzdem weiter Tiger, nicht Tigger.“ Das versöhnte den Tiger und er stolzierte schon bald wieder durch seinen Käfig. Und so kam es, dass er Tiger sein e verlor. Aber damit er sich daran erinnert, nicht wieder so hochnäsig zu werden, schreiben wir ihn ohne e, auch wenn wir ihn Tiger nennen.

Informationen zu dieser Geschichte

„Wie der Ti(e)ger sein ie verlor“ ist die erste Geschichte, die ich im Referendariat geschrieben habe. Sie diente als Einstieg einer Stunde in einer Einheit zum Thema Rechtschreibung, spezifisch zur Hinführung der Erkenntnis, dass manche Wörter anders geschrieben werden, als sie klingen oder als sich von Rechtschreibregeln ableiten lässt. Zuvor hatten wir verschiedene Rechtschreibregeln thematisiert, wie beispielsweise, dass im Deutschen das lange „i“ in den meisten Fällen als „ie“ geschrieben wird. Warum das Wort Tiger nur mit einem i verschriftlicht wird, lässt sich nicht mit Hilfe von Regeln erklären. Tatsächlich schrieb eine Schülerin zu Beginn der Stunde auf meine Frage hin das Wort mit ie an die Tafel und gab mir damit eine gute Überleitung zur Geschichte.
In der Einheit lernten die Schülerinnen und Schüler, Wörter in die Kategorien Mitsprechwort (lautgetreue Wörter), Nachdenkwort (durch Rechtschreibregeln herleitbar) und Merkwort (Fremdwörter/ nicht herleitbare Schreibungen) zu sortieren. Lässt man Lerner Wörter frei in diese Kategorien sortieren und anschließend ihre Einordnung begründen, kann hierdurch das Nachdenken über die Rechtschreibung angeregt werden, es hilft gegen die scheinbare Willkürlichkeit mancher Schreibungen und gibt der Lehrkraft einen Einblick in die Denkweise der Schülerinnen und Schüler: Wer kennt schon welche Regeln? Wer hat schon welche Strategien entwickelt und argumentiert mit ihnen (bpsw. langsames Sprechen, genaues Hören, Silben, Vokallänge etc.)?
Das Wort Tiger gehört für die meisten Lerner in die Kategorie Merkwort. Diese Geschichte kann dabei helfen, sich die richtige Schreibung zu merken – und eine mitunter trockene Rechtschreibeinheit auflockern.